Vergangenheitsbewältigung
Kürzlich habe ich mal wieder meine alten Videokassetten durchforstet, um zu sehen, was ich baldmöglichst in die digitale Welt retten sollte. Einige Aufnahmen von Mitte der Neunziger sind schon reichlich angegriffen, weil sie einfach falsch gelagert wurden. Mea culpa. Es wäre aber schade, wenn diese Videodokumente für immer verloren gingen, schließlich habe ich damals einen Großteil meiner Zeit darin investiert. Eigentlich viel zu viel Zeit, wenn ich überlege, dass ich mit Video deluxe heute vielleicht nur einen Bruchteil davon bräuchte, um dann sogar noch zu einem besseren Ergebnis zu kommen.
Ich bin noch durch die alte Schule gegangen: Kassette mit Timecode formatieren, dann in den Rekorder und mit Misch- und Schnittpult die Videoschnipsel vom Zuspieler rüberkopieren. Aufwändig und qualitätsraubend. Der Ton benötigte ein weiteres Mischpult und Titeleinblendungen oder Untertitel waren nur durch einen Amiga möglich, der als Gen-Lock fungierte. Teilweise mussten wir zu dritt am Schnittplatz sitzen: einer bereitete den Schnitt vor, einer musste sich um die Live-Tonabmischung während des Schnitts kümmern und einer die Untertitel auf dem Computer weiterklicken. Jeder Schnitt war ein Alptraum, weil ich in Echtzeit mit ansehen musste, wie die Bildqualität mit jeder Überspielung schlechter wurde. Außerdem musste der Schnittpunkt wahrlich gut überlegt sein. Zwar hatte das Pult eine Vorschaufunktion, aber war der Schnitt einmal gesetzt, gab es kein Zurück. Destruktives Videoediting! Richtig ärgerlich wurde es, wenn die Vorschau nicht dem Schnitt auf dem Masterband entsprach. Das JVC-Steuergerät erlaubte es sich hin und wieder gerne mal, es mit den In- und Out-Punkten nicht ganz so genau zu nehmen.
1996, zwei Jahre bevor ich mit digitalem Videoschnitt in Berührung kam, wurde der Schnittplatz noch um ein (damals) sehr leistungsfähiges Gerät erweitert: das Panasonic WJ-AV 55. Ein Videomischer für knapp 2000 DM mit sensationellen Fähigkeiten: Chroma-Keying und Farbkorrektur. Wahnsinn! Und nicht nur das: Endlich konnte ich mit den Wischblenden auch den 16:9-Letterbox-Effekt erzeugen, mit dem Videos auf 4:3-Fernsehern bis heute gleich viel cooler aussehen. Ich war im siebten Schnitthimmel und so habe ich zusammen mit meinem besten Freund und dem ganzen analogen Equipment das Musikvideo „Push“ zusammengeschustert. Fast eine Woche waren wir am schneiden und verzweifeln. Unzählige Male mussten wir von vorne beginnen, weil wir oder das Schnittpult das Masterband zerschossen hatte - gerade wegen der vielen Schnitte, die so ein Musikclip mit sich bringt. Von der Farbkorrektur und dem Chroma-Keying haben wir selbstverständlich exzessiv Gebrauch gemacht - war ja schließlich neu für uns. Die Band „Gravity‘s Pull“ hat sich übrigens kurz nach dem Dreh aufgelöst. Angeblich lag es aber nicht am Video...





gar nicht mal so schelcht das lied und video...
Hehe... Ich erinner mich noch als wärs gestern.

Und der Farbeffekt war ja unser ganzer Stolz.
Wir waren übrigens der festen Überzeugung, durch die Farbgebung einen ersten Cinelook für S-VHS kriert zu haben, falls du dich erinnerst, Sven.
Für alle, dies interessiert: der Trick war dabei dämlich wie genial. Wir hatten in dem "Schnittstudio" zwei Hardware-Effektpulte, die beide den sagenumwobenen Negativ-Effekt beherrschten. Irgendwann fanden wir heraus, dass die Ergebnisse der beiden Geräte aber farblich geringfügig unterschiedlich waren. Und als wir dann beide Effekte in Reihe auf das Signal gaben, hatten wir ein farblich etwas verändertes Positivbild, mit gleichzeitig etwas erhöhten Schwarzwerten. Geil! Für uns sah das damals fast so aus wie Film. Naja, jedenfalls nicht wie die üblichen Videoaufnahmen, soviel stand mal fest.
Schade nur, dass man die Kontrasttiefe nur wirklich beim Schnitts sehen konnte, weil jeder Kopiervorgang auf das Master und auf die VHS-Kopien (!!) natürlich aus schwarz dunkelgrau gemacht hat, aber wat solls.
Hach, das waren Zeiten...
Bei allem Respekt für das schöne Video – das hättet ihr damals einfacher haben können! Schon damals hat Futishu den HTR18 auf den Markt gebracht. Polt man die FX20-Dynamizer mit einem einfachen Multi-Cap um, bekommt man den gleichen Effekt OHNE zwei teure Hardware-Effektpulte und spart dabei bares Geld. Die Überspannung habe ich damals mit zwei einfachen Wrigleys geohmt, die ich auf die Kappentrimmung gelötet habe. So einfach wie effektiv!
Aber wie gesagt: Schönes Video!
Hey Samuel,

ist ist ja nicht so, dass wir uns in Unkosten geworfen hätten dafür. Wir haben einfach mit dem Equipment rumgespielt, das wir damals eh zur Verfügung hatten. Da war Kreativität gefragt mit wirren Steckverbindungen und Signaldurchschleiforgien. Hat natürlich dem eh schon schrecklichen S-VHS-Bild noch das letzte Quentchen Brillianz geraubt.
Hi Sven, na genau das meine ich ja! Allein die ganze Kabelage raubt so einem Video den letzten Glanz! Naja, nix mehr zu retten, außer, ja außer Du hast noch die Mastercopy von dem Prunkstück! Bei ebay gibt es gerade ziemlich billig die Quanto-MS-Combo von Ramses. Schleifst Du das Signal direkt nach dem S-VHS-Player in den V-Channel von der Quanto, kannst Du die S-VHS-typischen Interferenzen und Schlieren bis auf ein Minimum zurückfahren und gleichzeitig wird der Kontrast geschärft. Die Farbe geht dann ein bisschen ins Blaustichige, aber zu Eurem Video passt das ja eigentlich. Sollte das zu stark werden, kannst du hinter die Quanto noch einen Blue-Hollow-Detensioner (z.B. den von Mbani) schalten. So einen hab ich grad bei mir im Keller gefunden. Kann den natürlich jetzt auch nicht mehr gebrauchen. Der sam.
all about triponuridon and top news